Juliana Hümpfner

Juliana Hümpfner

MalereiSaarbrücken

Biografie

1961 geboren in Buchenbach/Hohenlohekreis 2000 – 2005 Studium der Freien Kunst/Malerei an der HBKsaar bei Prof. Bodo Baumgarten 2005 Diplom und Ernennung zur Meisterschülerin bei Prof. Bodo Baumgarten und bei Prof. Gabriele Langendorf. Seit 2009 Mitglied im Saarländischen Künstlerbund. Lebt und arbeitet in Saarbrücken.

Preise und Stipendien

2015 Stipendium Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf 2009 Förderstipendium der Landeshauptstadt Saarbrücken

Einzelausstellungen

2010 Verwandt, Kulturfoyer Saarbrücken 2009 Schloss Dagstuhl, Leibniz-Zentrum für Informatik, Wadern 2008 Malerei, Saarländisches Künstlerhaus Saarbrücken

Kontakt

juliana.huempfner@gmx.de

Möchte man die Entwicklung des Porträts in der neuzeitlichen Kunst als sich von typisierender Gebundenheit lösende, fortschreitende Individualisierung mit dem Anspruch der personellen Unverwechselbarkeit begreifen, so kann man einerseits die physische Individualität, die äußere Erscheinung, als Kriterium benennen. Weiterhin Aspekte der inneren Befindlichkeit, die sich durch Haltung, Gestus sowie Mimik äußern und die mit Beginn der Moderne auch verstärkt über den Duktus der Malerei selbst vermitteln werden.

Die figural und gegenständlich motivierten Arbeiten von Juliana Hümpfner suchen durch den offenen malerischen Duktus den Anschluss an autonome Bildwirklichkeiten. Hierbei wird das bildliche Motiv in einem labilen Schwebezustand zwischen realweltlichem Thema und gestischer Freiheit gehalten. Obgleich sie von einer konkreten Vorlage – der Fotografie – ausgehen, entwerfen die Malereien von Juliana Hümpfner keine identischen Kopien von Realität. Vielmehr öffnen sie die vorgefundene Bildwelt und erschließen, indem eine Distanz zwischen fotografischer Vorlage und malerischer Umsetzung generiert wird, neue Ausdrucksqualitäten und Wahrnehmungspotenziale, die weniger die unmittelbare Abbildung von Wirklichkeit als vielmehr die sinnliche Reflektion der Bildwirklichkeit ermöglichen. Hierbei entsteht ein labiler Schwebezustand zwischen konkretem Thema und abstrahierend-gestischer Freiheit, ein Oszillieren zwischen fester Form und deren Auflösung.

In den jüngeren Werkgruppen hat sich diesbezüglich eine Tendenz zu porträtanalogen Bildformulierungen herausgebildet, in denen feste Körperhaftigkeit kaum mehr zu erahnen ist. Die Lösung der Farbe vom Gegenstand ist zum Teil so weit vorangetrieben, die Heftigkeit der Farbkorrelationen derart ausformuliert, dass nahezu Vergleiche mit dem Abstrakten Expressionismus sowie informeller Malerei nahe liegen.
Das innere Geschehen der Figuren ebenso wie äußere Einwirkungen zeigen sich insbesondere in der Bildung des Antlitzes. Hierbei gilt der Texturbezeichnung der Haut mittels einer vielgestaltigen Binnenmodulierung ein besonderes Augenmerk. Als den Leib umschließende Membran, ist sie eine Kontaktfläche zwischen innen und außen und somit ein sensibles Instrument für Sinneswahrnehmungen, die sich auf ihr abbilden. Mit der malerischen Transformation solcher Wahrnehmungen und Empfindungen in eine pantochrome Farbgestalt generiert Juliana Hümpfner durch überwiegend dissonante Korrespondenzen des malerische Modus in der bildanatomischen Gestaltung eine bis ins Höchstmaß gesteigerte Ausdrucksqualität und formuliert zugleich eine dichte Intensität durch motivische und gestische Konzentration.

In ihrem mehrteiligen Beitrag für den Kunstpreis Robert Schuman 2015 nimmt Juliana Hümpfner Bezug auf eine Parlamentsdebatte in Kiew im April 2014. Nachdem der Vorsitzende der kommunistischen Partei den Präsidentschaftskandidaten der Nationalisten für die drohende Spaltung der Ukraine verantwortlich gemacht hatte, wurden Mitglieder der rechtspopulistischen Regierungspartei handgreiflich und die Debatte mündete in eine wüste, fraktionsübergreifende Prügelei.
Die aufgeheizte Stimmung der entgleisenden parlamentarischen Auseinandersetzung wird von Juliana Hümpfner als Aggregatzustand von Aggression bildlich gefasst und in mehreren Aspekten ausdifferenziert.

Ein großformatiges Diptychon zeigt die Kontrahenten in einer diffusbewegten Bildsituation. Überall ragen personell nicht zuzuordnende Hände in das Bildfeld, Gesichter sind verzerrt, verwischt und verunklärt. Es geht hier offensichtlich weniger um eine räumlich-logische Konstruktion, als vielmehr um eine hoch impulsiv, emotionalisierende Ausdrucksform. Daran haben einerseits die Hände als Handlungsinstrumente von Gewalt einen wesentlichen Anteil, darüber hinaus auch die dissonant-gestische Aufladung des figuralen Umfeldes. Malerisch aktivierter Hintergrund wie auch Aspekte der figürlichen Bewegung bedingen gleichermaßen die gewaltvolle, brutale Prägung der Bildsituation.

In weiteren, kleinformatigeren Arbeiten erweitert Juliana Hümpfner den Geschehnisraum des Diptychons, indem zusätzliche Details der Auseinandersetzung hinzutreten und so ein expandierend-fragmentiertes Ereignisspektrum akzentuiert wird. Es bleiben Torsi, in denen Farbbahnen leibliche Elemente markieren, ohne diese vollends auszuformulieren. Der Grund flutet in das chromatische Inkarnat und verleiht diesem eine nekrotische Prägung. Die Pinselführung beschreibt Handlungsverläufe als gewaltsame Vorgänge wie auch die Verletzung selbst. Somit bestimmt der Duktus der Malerei inhaltlich auch die motivische Szenerie und das Bild wird hiermit als organisches System verstanden, das sich in seinen wechselseitigen Bezügen aktiviert und manifeste Sehgewohnheiten hinterfragt.

 

Andreas Bayer