Jáchym Fleig

Jáchym Fleig

Skulptur, InstallationTrier

Biografie

1970 in Villingen-Schwennigen geboren 1995–2003 ABK Stuttgart, Klasse M. Ullman; HfbK Dresden, Klasse E. Bosslet – Meisterschüler; Slade School of Fine Art / Royal College of Art, London. Lebt und arbeitet bei Trier

Preise und Stipendien

2015 Stipendium Kavalierhaus Langenargen 2014 Arbeitsstipendium des Landes Sachsen-Anhalt, Röderhof; Ausstellungsförderung, Kunststiftung NRW 2013 Katalogförderung Stiftung Kunstfonds, Bonn; Kunstpreis Skulptur LebensArt-Stiftung, Köln 2009 Stipendium Künstlerhaus Schloß Balmoral, Bad Ems 2007–2009 Wilhelm Lehmbruck Stipendium der Stadt Duisburg 2006 Kulturstiftung des Freistaates Sachsen 2004 Kunstpreis der Darmstädter Sezession (mit Nele Waldert) 2002 Centro Tedesco di Studi Veneziani, Venedig, Italien, Residenz-Stipendium 2000 Hegenbarth-Stipendium, Stadtsparkasse Dresden 1997–2002 Cusanuswerk, Bischöfliche Studienförderung

Einzelausstellungen

2015 Akkumulation, Museum Biedermann, Donaueschingen (K) ; Menu, Forum für Kunst und Kultur, Eurode/Herzogenrath 2014 Ausblühen, Kunstverein Duisburg (K) 2013 Kollateral, Kunstverein coop. Kunsthaus Viernheim (K); Twist (mit A. Korntheuer), Galerie Heike Strelow, Frankfurt a. M. 2012 pod sukni / under the skirt, Galerie die Aktualität des Schönen, Liberec, Tschechien 2011 Limbus (mit Ulrike Mundt), Kunstverein Trier Junge Kunst, Trier 2010 Deckenrelief, Neuer Kunstverein, Gießen 2007 Blind Date, Galerie Mandy, Leipzig 2006 Huésped, Museo de Arte Carillo Gil, Mexico City, Mexiko (K) 2002 occupation, Kunstverein Trossingen (K)

(K) = Katalog

Kontakt

http://www.jachymfleig.net

In einer Zeit, in der alles durchdacht und geregelt scheint, bleibt nur eine große Sorge: dass sich das mit einem Mal ändern könnte.

Diese Unsicherheit ist der Nährboden für Jáchym Fleigs Arbeiten. Seine Plastiken und Installationen pflanzen ihren Samen in Bekanntes, Vertrautes und Genormtes und lassen es zu besorgniserregenden Monstrositäten mutieren. Wie riesenhafte Pilze, Schwämme oder tierische Behausungen überwuchern seine Materialakkumulationen museale und öffentliche Räume. Sie ergreifen von Gegenständen und Architekturen Besitz und relativieren deren Funktion und Bedeutung. Subversiv und intelligent bringen sie die bestehende Ordnung durcheinander.

Museen sind Schutzräume für Kontinuität und Beständigkeit. Gerade hier finden Jáchym Fleigs Spezies ideale Voraussetzungen. Das Treppenhaus des Stadtmuseums Simeonstift ist von einem stalaktitenhaften Gebilde in Beschlag genommen. Ein Wald poröser Zapfen keimt bis zu vier Meter aus der Decke. Sämtliche Etagen sind befallen. Mit einer Vielzahl von Ablegern, die selbst in den entlegensten Ecken aus dem Putz sprießen. Es scheint, als ob sich die Bausubstanz des Gebäudes neu formieren würde. Aus dem Sandstein des historischen Gemäuers flocken biomorphe Wucherungen aus. Die fragilen Ablagerungen kontrastieren mit dem massiven Mauerwerk. Das Treppenhaus wird in seiner Aufgabe als Lichtschacht, Orientierungspunkt, Verkehrsweg und Blickachse modifiziert und wird zum Träger der plastischen Ausformungen.
Wirte wie dieser sind es, an denen sich Jáchym Fleigs Objekte mit Vorliebe festsetzen – an Geordnetem, Cleanem, Kultiviertem und sicher Geglaubtem. Mit der rohen Materialität seiner Werkstoffe und der Übergriffigkeit seiner Kompositionen schafft er einen ästhetischen Gegenentwurf zu den gegebenen Orten. Er belebt das architektonisch Statische durch die exzessive Triebhaftigkeit vitalen Wachstums. Die Kunstformen der Natur* lassen sich in der weißen Moderne nieder.

Eben das kann Unbehagen erzeugen. Jáchym Fleigs Organismen beziehen ihre Stärke aus dem Rückhalt des Verbunds und der Masse. Sie siedeln stets in imposanten Kolonien und treten in einer distanzlosen Nähe zum Betrachter auf, die auch außerhalb des musealen Raums nicht Halt macht. Wo seine Fremdkörper in den realen Lebensbereich eindringen, Straßen, Gehwege und Plätze okkupieren, Supermärkte verschlingen und Fassaden aufbrechen, beschwören sie das Bild einer evolutionären Kraft herauf, die nicht zu stoppen ist. Der undefinierbare Materiehaufen am Real-Markt in Plettenberg, die übergroßen Myzelien am Londoner Bloomberg Space oder die Pilzinvasion in Mexiko Stadt wirken wie ein globaler Vorbote vom Ende der Zivilisation. Archaische Wesen erobern sich ihren Lebensraum zurück und schüren die Angst vor der Rückkehr darwinistischer Verhältnisse.

Das Kopfkino, das die Plastiken in Gang setzen, lässt schnell vergessen, dass es sich hier nicht um natürliche, sondern künstliche Schöpfungen handelt. Der Betrachter nimmt sie intuitiv als autonome Lebensformen wahr und gesteht ihnen einen eigenen Willen zu. Dabei erfordert gerade Jáchym Fleigs handwerklich komplexe Arbeitsweise eine sorgfältige Planung durch den Künstler – vom architektonischen Entwurf, der technisch aufwendigen Umsetzung bis zum Kalkül künstlerischer Setzung. Kontrolle und Kontrollverlust sind hier zwei wesentliche Gestaltungskriterien. Er tariert seine Werke in Größe und Umfang so aus, dass er es dem Betrachter überlässt, ob er seine Kreaturen noch im Griff hat: Sind sie gut oder böse? Sind sie Parasiten oder Symbionten? Sind sie störend oder eröffnen sie neue Perspektiven? Indem Jáchym Fleig die Beziehung dieser Biozönose nicht weiter charakterisiert, schafft er eine Projektionsfläche für Neugier und Misstrauen in gleicher Weise; für Vorbehalte, die man allen Arten von Fremdem, Andersartigem, Unbekanntem und Ungenormtem entgegenbringt – sei es im Spannungsfeld von Natur und Kultur oder Individuum und Gesellschaft.
Jáchym Fleigs Arbeiten konfrontieren mit einer tief sitzenden Verunsicherung, die entsteht, sobald gewohnte Strukturen aufgebrochen werden.

 

Alexandra Orth

 

Kunstformen der Natur lautet der Titel eines Buchs des Zoologen Ernst Haeckel, der um 1900 die bizarre Schönheit von Mikroorganismen in Bildern festhielt.