Gegenwart von morgen

Kuratorin Alexandra Orth über ihre Auswahl der Trierer Nominierten

Kunstwerke zeigen ein Bild des Menschen von seiner Welt. Sie verarbeiten Ereignisse, Themen und Stimmungen, die seine Zeit bewegen. Jáchym Fleig, Helge Hommes, Katharina Jung und Gaby Peters machen sich nicht nur um das Jetzt, sondern auch um das Morgen Gedanken. In ihren Arbeiten entwerfen sie Szenarien, wie es weitergeht: hoffnungsvoll, melancholisch, ironisch, apokalyptisch.
In einer Zeit von Krisen, Crashs und Katastrophen liegt die Aktualität ihrer Werke darin, vorausschauend zu denken.

Jáchym Fleigs Fiktionen kennt man aus dem Kino: Fremde Lebensformen übernehmen die Erde. Seine überdimensionalen Pilze und Materiehaufen aus Gips, Kunststoff oder Beton setzen sich an Häusern und Gegenständen fest, wuchern über Gehwege und beeinträchtigen das öffentliche Leben. Nicht ohne Grund ist dieses Motiv ein Blockbuster-Garant, denn die Angst vor dem Unvertrauten und Unkontrollierbaren ist existentiell. Jáchym Fleig lässt den Ausgang seiner Interventionen jedoch offen. Er tariert seine Arbeiten so aus, dass sie sich zwischen Faszination und Bedrohung bewegen. Sind sie Parasiten oder Symbionten? Sind sie feindlich oder friedlich? Der Reiz seiner Werke besteht in eben jener Ungewissheit. Sie konfrontiert den Betrachter mit der eigenen Bewertung des Andersartigen und Fremden. Die einzige Gefahr, die das Unbekannte birgt, ist nämlich die der Veränderung.

Auch in Helge Hommes’ jüngsten Arbeiten erobern sich anachronistische Organismen ihren Lebensraum zurück. Urzeitliche Farne und Mollusken sprießen aus dem Boden verlassener Architekturen. Das Verhältnis von Natur und Mensch bewegt den Künstler schon seit Jahren. Mit dem Motiv des Baums hat er ein Bild gefunden, das das engverwachsene Beziehungsgeflecht beider nachzeichnet. Er legt in seinen Gemälden die Strukturen von Stämmen und Ästen frei, über die sich der Baum mit seiner Umwelt im Austausch befindet. Dieser fein verzweigte Stoffwechsel wird für ihn zum Vorbild menschlicher Bindungen. In seinen sozialen Plastiken lässt Helge Hommes den Baum zum Modell einer neuen Gesellschaft reifen: Gemeinsam mit der Bevölkerung baut er monumentale Bäume aus Sperrmüll, die er als Zeichen einer kollektiven Neugestaltung des Lebens versteht. Diese Utopie von Kunst und Leben bringt er in Form eines Manifests auf den Punkt.

Der Wunsch nach Einklang und Ganzheitlichkeit kommt auch in den Fotografien Katharina Jungs zum Ausdruck. Ihre bildgewaltigen Landschaftsaufnahmen zeigen junge Menschen auf der Suche nach Identität, Freiheit und ihrem Platz in der Welt. Ihre Protagonisten tauchen in atemberaubende Täler, tiefe Wälder und dunkle Gewässer ein. Sie ergründen ihren eigenen Ursprung, indem sie physisch mit der Umgebung zu verschmelzen scheinen. Die Natur wird zum Zufluchtsort, der die jungen Erwachsenen trostvoll aufnimmt. Mit digitaler Magie und kompositorischer Sensibilität nutzt Katharina Jung dabei das Medium der Fotografie, um diese romantische Entgrenzung auch visuell erfahrbar zu machen. Ihre entrückten Aufnahmen imaginieren den Traum von einer alternativen Lebenswelt, der für sie, als Aussteigerin, bereits Wirklichkeit geworden ist.

Einfach mal abschalten. Gaby Peters entzieht sich der Alltagsmaschinerie auf ihre Weise: Mit ihren kinetischen Apparaten sorgt sie für Slow Motion in einer hypertechnisierten Zeit. Die Bildhauerin karikiert automatisierte Herstellungsprozesse, indem sie Maschinen baut, die Glückskekse zertrümmern, Teller jonglieren oder die Arbeit schlichtweg verweigern. Sie zweckentfremdet Wäschespinnen als Roboter und Teelichter als Popcorngrills. Damit widersetzt sie sich demonstrativ den Anforderungen von Funktionalität und Produktivität, die heutige Bewegungsabläufe steuern. Hinter dem quietschbunten, glänzenden Interface ihrer Produkte verbergen sich Konsumkritik, Technikskeptizismus und die ernüchternde Einsicht, dass es nicht immer nur vorwärts geht.

In einem ihrer jüngsten Projekte stellt Gaby Peters dieser hektischen Betriebsamkeit die Konstanz elementarer Kräfte gegenüber. Bei ihrem Modell eines Newtonschen Pendels stößt eine Kugel in endloser Reihe die nächste an.
Als Impulsgeber sind auch die vier Künstler zu verstehen.

 

Alexandra Orth