Gaby Peters

Gaby Peters

Skulptur, InstallationTrier

Biografie

1980 in Trier geboren 2001– 2009 Studium der Bildenden Kunst an der Kunsthochschule Mainz bei Dieter Kiessling, Staatsexamen 2005 Arbeitsaufenthalt auf Kuba (Brigade der IG-Metall) 2009–2010 Master of Fine Art an der Glasgow School of Art 2010 Master of Fine Art an der Glasgow School of Art 2014 Arbeitsaufenthalt in Philadelphia und New York

Preise und Stipendien

2014 Künstlerhaus Schloss Balmoral, Projektstipendium des Landes Rheinland-Pfalz 2012 Saari Residence Stipendium der Kone Stiftung, Finnland; EMA Preis, Aachen 2011 Förderung durch die Karin Abt-Straubinger Stiftung; DEW21-Kunstpreis; seit 2010 Atelierförderung Künstlerhaus Dortmund 2008 Förderpreis Junge Rheinland-Pfälzer KünstlerInnen; Kunstpreis Trier-Saarburg; Bosch-Rexroth- Kunstpreis 2006 Förderpreis der Landesbank Rheinland-Pfalz der Kunsthochschule Mainz

Einzelausstellungen

2015 Strategien der geplanten Obsolenz, Künstler- und Atelierhaus der Stadt Duisburg 2014 Forgotten Funhouse, Kunstverein Paderborn 2012 still confused but on a higher level, Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund 2011 (K) Gaby Peters, Kunstbunker Hintereingang, Nürnberg 2008 Remember that THE MACHINIST is not a guide, Altes Zollamt, Wiesbaden 2007 myality, Initialraum, Münster

(K) = Katalog

Veröffentlichungen

Cookies & No Milk – Gaby Peters & the red point, Publikation zum EMA- Preis Aachen, Dortmund 2013
Gaby Peters – we are always looking for opportunities to grow reality wear, Eigenverlag, 2009

Kontakt

www.gabypeters.de

Und sie bewegt sich doch. Bewegung ist das, was alles am Leben hält: die Rotation der Erde, den Kreislauf der Natur, die Entwicklung der Menschheit, die Zeit. Man muss nur darauf achten, dass sie einen nicht überholt. Genau darauf aber sind Gaby Peters kinetische Plastiken programmiert. Sie gehen den Konzepten und Konstrukten auf den Grund, die den Rhythmus des Alltags kontinuierlich und unhinterfragt am Laufen halten.

Der Bewegungsapparat unseres Planeten ist so komplex, dass man ihm mit Staunen gegenübersteht. Nur in Modellen wird annähernd erklärbar, was die Welt zusammenhält. Ein Klassiker solcher Versuchsanordnungen ist das Kugelstoßpendel nach Newton. Gaby Peters Interpretation dieses Apparats besteht aus fünf riesigen Wasserbällen, die an Fäden von der Decke hängen. Kindliche Freude erfährt der Betrachter, wenn er einen der bonbonfarbenen Ballons gegen den nächsten dotzen lässt, und beobachten kann, wie sich der Impuls des Anstoßes bis zum letzten überträgt. Die Installation verzaubert durch die Leichtigkeit der Bewegung, in der die Bälle zeitlupenhaft und schwerelos vorüberpendeln. Sie überspielt, dass sich dahinter spröde Physik verbirgt: Newtons Energieerhaltungssatz. Er besagt, dass die Weitergabe von Energie ein Grundprinzip unseres Lebens ist – eine poetische Vorstellung, der Gaby Peters Installation mehr gerecht wird als jede Formel.

Schon bald wurden die physikalischen Erkenntnisse in die eigene Produktivität gelenkt: höher, schneller, weiter. Gerade das sind die Produktionsketten, die Gaby Peters mit ihren Arbeiten unterbrechen will. Für ihre Plate-Spinning Machine zweckentfremdete sie den Motor eines Scheibenwischers und baute daraus einen Antrieb, um Teller auf einem Stäbchen zu jonglieren. Die Maschine besticht durch das Design eines Lifestyle-Produkts. Glänzendes, buntes Plastik und aerodynamische Kurven machen die KitchenAid zu einem Musthave für den fortschrittlichen Haushalt. Die Anklänge der Pop-Art setzen sich in der Gestaltung des dazugehörigen kleinen Environments fort. Bei so viel Warenästhetik wird die Funktion fast nebensächlich: Der Propellerarm der Maschine dreht ohne Unterlass altes, teures Porzellan im Kreis. Das fröhliche Setting trübt der Eindruck einer unverdrossenen, zweckfreien Emsigkeit, die im schlimmsten Fall – wenn der Teller fällt – mehr schadet als nutzt. Technikgeschichtlich ist die Plate-Spinning Machine damit zwischen dem legendären Siemens Lufthaken und dem 18h-Akku der Apple Watch einzureihen.

Umgekehrt verhält es sich mit Gaby Peters‘ Popcorn-Maschine, deren Funktionsweise sie in einem Video festhält. Für den Maisröster Marke Eigenbau benötigt sie lediglich Draht, eine Zange und ein Teelicht. In der Anmutung eines DIY-Tutorials führt sie ihre Erfindung vor. Mit der kleinen Drahtstellage bringt sie über dem Flämmchen Korn um Korn zum Platzen. Innerhalb von 4 Stunden und 40 Minuten gelingt es ihr auf diese Weise, eine handelsübliche Packung Popcorn eigenhändig herzustellen. Die Mühsal und Langwierigkeit des vorindustriellen Prozesses werden im Video in Echtzeit nachvollziehbar und rufen den Wert von Arbeit wieder ins Bewusstsein. Damit greift Gaby Peters einen Trend auf, der sich aktuell im Internet verbreitet: die Maker-Bewegung – junge Menschen, die auf Konsum verzichten und die Dinge ihres täglichen Gebrauchs selbst herstellen. Darin zeichnet sich nicht nur eine Rückkehr zu mehr Einfachheit ab, sondern auch die Suche nach Survival-Strategien.

Euphorie und Skeptizismus gehen in Sachen Technik einher – ein Aspekt, den Gaby Peters auch in ihrer Arbeit Sorry, Not in Service zum Thema macht. Ihr signalgelber Apparat stellt eine riesige Infotafel dar. Einmal angeschaltet, rotiert in ihr ein Spruchband. Farbe und Größe des Geräts versprechen eine ungeheuerliche Neuigkeit. Zu lesen ist aber nur die immergleiche Mitteilung: SORRY, NOT IN SERVICE. Die Funktion der Maschine besteht im Paradoxon, ihre Dysfunktionalität mitzuteilen. Die Erwartungshaltung des Betrachters wird enttäuscht. Der minimalistische, gesichtslose Automat aus Aluminium verursacht Unverständnis, Ärger und Frustration. Gaby Peters macht hier den eigentümlich emotionalen Berührungspunkt zwischen Mensch und Maschine spürbar. Er reicht von der höflichen Entschuldigung der gelben Scheibe bis zur künstlichen Intelligenz.

Logik, Schaltkreise, Funktionalität – so rational Physik und Technik auch operieren, lassen sie einen nicht kalt. Das wird auch in Gaby Peters Installation Sehnsucht deutlich. Ein Konfettihaufen liegt auf dem Boden. In dessen Nähe hängt ein Ventilator. Verlockend ist der Gedanke, den zum Greifen nahen Schalter zu betätigen, der hypnotisch vor den Augen des Betrachters baumelt, und die erhoffte Ereigniskette in Bewegung zu setzen. Doch wie weit darf man gehen? Wann wird aus Spiel Ernst? Aber Stillstand entspricht scheinbar einfach nicht unserem Naturell...

 

Alexandra Orth