Der Garten der Pfade

Kuratorin Élodie Stroecken über ihre Auswahl der Metzer Nominierten

Würde man mich auffordern, die künstlerische Auswahl, die ich für diese Ausgabe des Robert-Schuman- Preises getroffen habe, zu rechtfertigen, so würde ich antworten, dass ich mich – weit entfernt von Streben nach Neutralität oder umgekehrt von einer Strategie – dafür entschieden habe, ausschließlich Künstler auszustellen, die mich persönlich berührt haben. So vorgehen zu dürfen, ist eine Chance.

Die vier Künstler, die ich ausgewählt habe, gehören alle derselben Generation an, sie sind in den Zwanzigern oder Dreißigern, kommen teils frisch von der Kunstschule oder können schon mehrere Ausstellungen, Künstleraufenthalte und Auszeichnungen aufweisen. Ihre Werke sind sehr unterschiedlich, aber ihnen scheint ein gemeinsamer roter Faden zugrunde zu liegen. Dieser Parameter begegnet in jedem wie auch immer gearteten Schöpfungsprozess, aber bei diesen Künstlern kommt ihm eine ganz besondere Bedeutung und eine grundlegende Rolle in ihren Werken zu. Dabei geht es jedoch nicht um das Sujet, sondern um den Faktor Zeit. Nicht die geschichtliche, sondern eine eher universelle Zeit, die auf verschiedene Weisen empfunden und umgesetzt wird.

Ich greife das Bild aus „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“ von Jorge Luis Borges als Allegorie der Metzer Auswahl auf und hoffe, dass die Entdeckung der nahen und fernen Vorstellungswelten von Claire Decet, Céline Fumaroli, Marianne Mispelaëre und Clément Richem Sie in neue Dimensionen führen wird.

Der Garten der Pfade, die sich verzweigen ist ein ungeheures Ratespiel oder eine Parabel, deren Thema die Zeit ist; dieser tief verborgene Grund verbietet ihm die Erwähnung ihres Namens. Ein Wort immer auszulassen, sich mit untauglichen Metaphern und offenkundigen Umschreibungen zu helfen, ist vielleicht die betonteste Art, daraufhinzudeuten....Der Garten der Pfade, die sich verzweigen ist ein zwar unvollständiges, aber kein falsches Bild des Universums, so wie es Ts’ui Pên auffasste. Im Unterschied zu Newton und Schopenhauer glaubte ihr Ahne nicht an eine gleichförmige, absolute Zeit. Er glaubte an unendliche Zeitreihen, an ein wachsendes, schwindelerregendes Netz auseinander- und zueinanderstrebender und gleichgerichteter Zeiten. Dieses Webmuster aus Zeiten, die sich einander nähern, sich verzweigen, sich scheiden oder jahrhundertelang nichts voneinander wissen, umfasst alle Möglichkeiten.
(Jorge Luis Borges, Fiktionen, 1941)*

 

Élodie Stroecken

 

* Zitiert nach: Jorge Luis Borges, Sämtliche Erzählungen, Hanser, München 1970, S. 208–209.